Trutzig, kantig, gaumenfüllend… UNWIDERSTEHLICH!

Das Priorat ist ein Gebiet, wie es ursprünglicher und authentischer nicht sein könnte. Die Landschaft übt einen geheimnisvollen, geradezu anziehenden Reiz aus. Obwohl das Gebiet gerademal 140 Kilometer südwestlich von Barcelona liegt, kennen es die wenigsten Weinfreaks. Hier entstehen auf steinigen Schieferböden gaumenfüllende Monumente, die Jahrzehntelang halten.

Knapp zwei Autostunden von Barcelona entfernt, liegt das urwüchsige Priorat. Ein Stück unberührte, fast bizarre Natur, die mit ihrer wilden, steinreichen Landschaft jeden Besucher sofort verzaubert. So auch die neuzeitlichen Priorat-Pioniere der 1980er Jahre: René Barbier (Clos Mogador), José Luís Pérez (Clos Martinet, Cims de Porrera), Daphne Glorian (Clos Erasmus), Carlos Pastrana (Clos l’Obac) und Alvaro Palacios (L’Ermita, Finca Dofí, Les Terrasses). Von beharrlichem Idealismus geleitet haben diese engagierten Winzer die zwar beeindruckend ursprüngliche, aber zwischenzeitlich stark geschrumpfte Weinregion aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst. Die Geburtsstätte dieses historisch verwurzelten Anbaugebietes liegt in dem unterhalb der Bergkette Monsant gelegenen Karthäuserklosters „Scala Dei“. Hier wurde vom „Prior“ und seinen Mönchen bereits um 1190 der erste Wein gekeltert. Ende des achtzehnten Jahrhunderts besass das nach dem Prior benannte Gebiet „Priorat“ einen ausgezeichneten Ruf und verfügte seinerzeit über eine stattliche Rebfläche von beinahe 4.000 Hektar. Gut ein Jahrhundert später leistete die Reblaus ganze Arbeit und vernichtete wie fast überall in Europa alle Reben. Francos Diktatur tat den Rest. Die entstandene Armut löste eine Landflucht und damit wirtschaftlichen Stillstand aus.

Ankunft
Wenn man von der Autostrada N 420 in Richtung Poreirra abbiegt, wähnt man sich bereits im Herzen des Priorats. Ein Trugschluss, denn die folgenden zwölf Kilometer erweisen sich als extrem kurvenreich und erfordern eine weitere halbe Stunde Autofahrt. Hier geht es langsam zu. Die steinig-graue Schieferlandschaft mit ihrer ungezähmten Vegetation und den teilweise verfallenen, sanft in die Landschaft eingebetteten Dörfchen entschleunigt auf natürliche Weise und versetzt ihre Besucher gewissermassen in eine andere Welt. Mich erinnert dieser etwas marode aber überaus faszinierende Charme eher an lange vergangene Zeiten als an die hektische Gegenwart.

O-Ton von Toni
Mit gut 2.500 Einwohnern ist das kleine Städtchen Falset die wirtschaftliche Metropole des Priorats. Seit meinem ersten Besuch vor fünfzehn Jahren ist regelrecht Leben in den ehemals unscheinbaren Ort eingekehrt. Es gibt kleine Geschäfte, Banken, Weinläden und „El Celler de l’Aspic“ ist nicht mehr das einzige Restaurant auf der Hauptstrasse. Aber definitiv das Restaurant mit der spannendsten Weinkarte der ganzen Gegend – bestens bestückt sowohl mit regionalen Kreszenzen, als auch mit den besten Weinen der Welt. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: Chef Antonio Bru, genannt Toni ist waschechter Katalane und im Priorat geboren. Er liebt und lebt diese Region. Der weinverrückte Chef hat die kometenhafte Entwicklung der Priorat-Weine in den 1990er Jahren hautnah miterlebt. Einer der Gründe, warum er sich in dieser damals völlig unwirtlichen Region niedergelassen hat. „Ich wollte einfach dabei sein!“ Seine freie Zeit verbringt Antonio Bru am liebsten mit Weinreisen. Nicht nur ins heimische Priorat, sondern weltweit. Auf meine Frage, wieso er so viel über Wein wisse, antwortet er augenzwinkernd, dass er acht Jahre Präsident der katalanischen „Association of Sommeliers“ in Tarragona war. Heute macht es dem engagierten Küchenchef große Freude, den ausländischen Besuchern in seinem Restaurant die kulinarischen Geheimnisse seiner Heimat zu zeigen. „Das Priorat hat etwas ganz Besonderes. Eine noch unzerstörte Authentizität, die es zu bewahren gilt.“ Deshalb bereitet ihm die derzeitige Situation des Landes verständlicherweise Sorgen. Zum einen ist die Wirtschaftskrise schmerzhaft an fehlenden Umsätzen zu spüren, zum anderen sind es die durch den Boom angelockten Investoren, die sich zuwenig Gedanken um Terroir und Nachhaltigkeit machen. „Das Priorat besitzt eine einige Persönlichkeit, aber man darf sie nicht einfach sich selbst überlassen.“ Eigentlich müssten sich die Winzer der veränderten Situation annehmen, etwas mehr Sensibilität für die naturgegebene Authentizität Ihrer Region zeigen, sich und ihre Weine weiterentwickeln. Was sie in der Regel zu wenig tun, weil sie in der Vergangenheit vom schnellen Erfolg verwöhnt worden sind. Auf die Frage, wer die prägnantesten Winzer für ihn sind, hat Toni eine schnelle Antwort parat: “Das ist schwierig, weil es einige sehr gute und vor allem engagierte Weinmacher in der Region gibt. Aber vielleicht René Barbier, weil er die Herausforderung des historischen Terroirs annimmt, sich und seine Weine natürlich-nachhaltig und vor allem authentisch weiter entwickelt.“ Aber auch von Quereinsteigern, wie Sergi Ferrer-Salat und Raul Bobet „Ferrer Bobet“, dem ehemaligen Sommelier Frank Massard „Epicure Wines“ oder „el alemán“ Dominik Huber ist er recht angetan: „Mit ihren eleganterem Stil verleihen die Jungs dem Priorat ein erfrischend neues Gesicht, ohne Ursprung oder Kultur über Bord zu werfen, sondern sie vielmehr positiv adaptierend einsetzen.“

Früher und jetzt! Garnacha und Cariñena
Die meisten „Prioratinos“ bestehen aus einer Cuvée von Garnacha und Cariñena mit mehr oder weniger ausgeprägten Anteilen an Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah. Neben dem heissen Klima sind die Böden des Priorats der größte Einflussfaktor auf die Qualität der Weine. Der Untergrund der steilen Hanglagen und verwinkelten Terrassen ist vulkanischen Ursprungs. Der Boden aus kleinblättrigem Schiefer und Quarz wird Llicorella genannt Er verleiht den oftmals üppigen Weinen einen anregenden intensiv-mineralischen, fast graphitartigen Charakter, der die Opulenz der Prioratweine sensorisch nivelliert und eher lebhafte Komponenten unterstützt. Entsprechend ist in den letzten Jahren eine Tendenz zu reinsortig ausgebauten Cariñena Weinen entstanden. Wie keine andere Rebsorte ist Cariñena in der Lage, das steinige extrem heiße Umfeld mit klirrender Lebhaftigkeit und gradliniger Präzision zu übersetzen.

Der heimliche Star: Cariñena reinsortig ausgebaut
2013 Centenary Carignan 1902, Mas Doix, Poboleda
2013 Ferrer Bobet Seleccío Especial Vinyes Velles (Porrera), Falset
2008 El Pastelero de la Maria i en Valentin, Cims de Porrera
2014 Dits del Terra, Terroir al Limit, Torroja
2014 Manyetes, Clos Mogador, Gratallops
2013 Clos Alzina (Torroja), Costers del Priorat, Bellmunt
2015 Tros de Clos, Clos de Portal, El Molar

Goldgräberstimmung versus Realität
In gerademal 25 Jahren ist die Zahl der weinerzeugenden Betriebe auf 100 Betriebe gestiegen. Meine Frage, ob geldgierige Investoren eine Gefahr für das Naturdenkmal Priorat, welches sich gerade um einen Listenplatz des Unesco Weltkulturerbes bemüht, darstellen, verneint Jose Mas Barberà, Oenologe des Weinguts Costers del Priorat, kopfschüttelnd. „Nach ein paar Jahren merken diese Leute, dass man hier nur mit harter Arbeit und entsprechender Geduld gute Weine erzeugen kann. Um die Weinqualität kontinuierlich zu steigern, muss das erwirtschaftete Geld sofort reinvestiert werden.“ Rund 850 Euro kostet eine Flasche des aktuellen Jahrgangs l’Ermita des Starwinzers Alvaro Palacios. Normale Betriebe erreichen gerademal einen Durchschnittspreis von 20 Euro. Wobei bei der Preisfindung die Herkunft eine entscheidende Rolle spielt. Je weiter in den Bergen, desto intensiver die Arbeit, desto höher der Preis. Hier liegt dann der durchschnittliche Ertrag oftmals unter 10 Hektolitern pro Hektar.

Vi de Vila
Trotzdem ist es schwierig, alle Winzer unter einen Hut zu bringen. Das DOQ Priorat versucht sich gemeinsam mit den Winzern an einer gemeinsamen Klassifikation. Trinkige Einstiegsweine bilden die Basis, gefolgt vom „Vi de Vila“, der nach dem Vorbild der burgundischen Village Weine nach der Ortschaft benannt wird, aus der er stammt. Dem Weintrinker soll diese Bezeichnung Informationen über das jeweilige „Terroir“ und die entsprechende Qualität geben. Es folgen die „Vins de Finca“ und die einsame Spitze „Grand Vins“, wie beispielsweise l’Ermita. Die Realität führt das System allerdings ad absurdum. Innerhalb der Kategorie „Vins de Vila“ finden sich Weine unterschiedlicher Qualitäten und Preise, was selbst den Profis unverständlich erscheint. Mein persönliches Fazit lautet jedenfalls, dass sich die Qualität und damit auch der Preis am jeweiligen Winzer anknüpft.

Meine Highlights der Espai Priorat 2017
In dem restaurierten Kirchenschiff der Escaladei findet seit 2011 alle zwei Jahre die Espai Priorat statt. 45 Weingüter präsentieren ihre Weine Mitte Mai einem internationalen Publikum. Aus der ganzen Welt reisen Sommeliers, Händler und Journalisten an, um sich drei Tage den Weinen und entsprechenden Strömungen des Gebietes zu widmen. Arrivierte Betriebe präsentieren ihre Weine neben klassischen Kellereien und vielversprechenden Newcomern. Hier trifft man Daphne Glorien und René Barbier persönlich und kann sogar mit Alvaro Palacios einige Worte wechseln.


Einsame Spitze
2013 Garnatxa de Cims de Porrera
2014 Ferrer Bobet Vinyes Velles, Porrera
2014 Clos Mogador, Gratallops
2008 Clos Mogador, Gratallops
2013 Doix, Mas Doix, Poboleda

Balancierte Mitte
2014 Clos Cypres, Bellmunt, Costers del Priorat
2014 Clos Alzina, Torroja, Costers del Priorat
2012 Clos Figueres, Clos Figueras Gratallops
2015 Vi de Vila Gratallops, Alvaro Palacios
2015 Torroja Vi de Vila, Terroir al Límit, Torroja
2012 Clos Fontá, Mas d’en Gil, Bellmunt

Süffiger Einstiegsstoff
2014 Formiga de Vellut, Clos Galena, El Molar

Meine persönliche Entdeckung war neben den reinsortig ausgebauten Cariñena Weinen die fortwährende Entwicklung René Barbiers, der heute von seinen Söhnen René Junior und Christian unterstützt wird. Es ist mir eine große Freude, dass über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert zu beobachten. René kenne ich mittlerweile länger als meinen lieben Ehemann. Damals hat Peter Abegg mich mit René Barbier und seinen Weinen bekannt gemacht. Seine Arbeit setzt nun Sidi Michiels, La Tienda, sehr erfolgreich fort, heute ist sie mein Kontakt zu René. (=>Siehe auch Vertikale Clos Mogador) Gemeinsam mit Doug Frost MS und WM traf ich René Barbier, mit seinem Landrover fuhr er uns in einem wahnwitzigen Tempo durch die steilen Terrassen und erklärte uns augenzwinkernd: “Meine Nachbarn bezeichnen meine Weinberge als unaufgeräumt, dreckig und verwahrlost…”

Costers del Priorat ist ein Gemeinschaftsprojekt einer Gruppe weinverrückter Investoren. Für die Weinberge und den Ausbau im Keller ist Oenologe José Mas Barberà verantwortlich. Ein äußerst feinfühliger Zeitgenosse, der nicht nur über internationale Erfahrung verfügt, sondern auch das WSET (Diploma Wines and Spirits) absolviert hat. Er berichtet engagiert über seine beiden Lagen Clos Cypres in Bellmunt und Clos Alzina in Torroja. Beides sind reinsortige Cariñena und wachsen auf Schiefer. Die Weine werden gleich ausgebaut, zeigen dennoch ganz klar ihre unterschiedliche Herkunft.

Ein weiteres Projekt, was es zu beobachten gilt: Franck Massard, ein ehemaliger Sommelier hat im letzten Jahr sein gesamtes Geld in ein extrem steiles, rebbestocktes „Amphitheater“ oberhalb von Torroja gesteckt. Man hat das Gefühl, dass er jeden Rebstock und die Pflanzenvielfalt seines Hangs persönlich kennt. Der vielen Arbeit, die tagtäglich auf ihn wartet, ist er sich durchaus bewusst. Hier spielt Risiko neben Diversität die Hauptrolle! So müssen wir noch etwas Geduld aufbringen, bis die Resultate dieses Steilhangs gefüllt sind.

Fazit:
Das Priorat ist mehr als faszinierend und gleich mehrere Reisen wert. Die Menschen, die hier den Kampf mit der Natur aufnehmen, müssen allen Widrigkeiten trotzen. Sie arbeiten bis zum umfallen und leben in Zweisamkeit mit ihren Reben. Zumindest erkennt man das an der Qualität der Weine. Ich habe viele rote Tropfen verkostet, die dem Einheitsbild eines Priorationos entsprechen, mameladig, fruchtig süßlich, opulent, alkoholisch und saftig.

Miriam Grischott | Janek Schumann | Christina Fischer

Hier finden Sie die Links für alle, die mehr über das Priorat und seine Protagonisten erfahren wollen:

Information Priorat Tourismus:
Tourismus Office Priorat 
Wein:
DOC Priorat  => Thanks for the great organisation! ;o)).


Restaurants:
„El Celler de l’Aspic“, Falset
Hotels:
Hotel Ca Llop, Gratallops

Den Orgininaltext “Steinreich und naturgewaltig” finden Sie auf der Seite Gerolsteiner WeinPlaces!

SAVE THE DATE: Sommelier-Tour
Bonbon für Sommeliers: Christine Balais und ich planen im nächsten Jahr eine Sommelier-Tour ins Priorat!

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